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Frankfurter Rundschau Op-Ed by Moshe Kantor

05 November 2008

Original German Language, English Translation below

Was Europas Juden beunruhigt

VON WJATSCHESLAW MOSHE KANTOR

70 Jahre nach der Reichspogromnacht sieht der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses beklommen in die Zukunft und warnt vor den Machtgelüsten des Iran

Vor 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Der deutsche Staat hatte dem jüdischen Teil seiner Bevölkerung nicht nur den Schutz entzogen, er machte sich selbst zum Anführer derjenigen, die den jüdischen Mitbürgern nach ihrer Ehre, nach ihrem Eigentum und sogar nach dem Leben trachteten.

Die sogenannte Reichskristallnacht markiert bis heute das Versagen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen, und sie war der für alle sichtbare Auftakt zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, dem Holocaust.

Im kollektiven jüdischen Gedächtnis ist das Wissen um die Vorgeschichte des Holocaust tief eingeprägt, und die jahrhundertlange Geschichte unserer Verfolgung hat uns Juden sehr sensibel gemacht für die ersten Anzeichen von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.

Wir sind schnell beunruhigt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Juden meist die Ersten sind, die darunter zu leiden haben. Zu den beunruhigenden Aspekten gehört insbesondere die schleichende Erosion von Toleranz und gegenseitigem Respekt zwischen gesellschaftlichen Gruppen, was oft als ein Vorbote von Sittenverfall und Barbarei zu konstatieren ist.

Auch in der heutigen Zeit sind viele Juden beunruhigt. Es beunruhigt uns, wenn in Deutschland die Zahl antisemitischer Straftaten steigt. Vor dem Hintergrund ihrer jüngeren Geschichte müssen sich die Deutschen die Frage gefallen lassen, warum es 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch, oder vielmehr: schon wieder, weit verbreitete Ressentiments und gar Gewalttaten gegen Juden gibt.

Und es beunruhigt, wenn wir in diesen Tagen erleben müssen, wie ein wichtiges Problem im Gezänk der Parteipolitik untergeht und die gemeinsame Basis für eine überparteiliche Erklärung zur wirkungsvollen Bekämpfung des Antisemitismus selbst ein Problem ist. Die Berufung eines Beauftragten des Bundestages gegen den Antisemitismus in Deutschland wäre ein wichtiges Zeichen zum 70. Jahrestag des 9. November 1938 gewesen, nicht nur als symbolischer Akt, sondern auch, um den verantwortlichen Politikern immer wieder verdeutlichen zu können, wo Handlungsbedarf besteht.

Uns Juden beunruhigen auch viele Zustände, Ereignisse und Entwicklungen in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel das erschreckende Unwissen über den Holocaust. Diese Unwissenheit ist der Nährboden, auf dem Intoleranz und Aggression gedeihen. Vor allem in osteuropäischen Ländern darf chauvinistisches und rassistisches Gedankengut neuerdings wieder ungehindert von der Staatsmacht - und manchmal sogar unter ihrem Schutz, wie jüngst in Litauen - in Aufmärschen und Versammlungen öffentlich propagiert werden. In Budapest marschieren seit neuestem wieder paramilitärische Garden in Uniform auf, deren Symbole absichtlich denen des faschistischen Pfeilkreuzler-Regimes während des Zweiten Weltkriegs ähneln und denen Juden, Sinti und Roma, Ausländer und andere Minderheiten ein Dorn im Auge sind.

Und wir erleben diese Intoleranz und Aggression genauso bei einem aufkommenden neuen Antisemitismus islamischer Herkunft in Europa. Oft werden Gewalttaten gegen Juden in Europa als Einzelereignisse abgetan, die vorgeblich nationale Angelegenheiten sind. Das ist ein Trugschluss. Natürlich bedarf es in jedem Land besonderer Maßnahmen, denn jedes Land hat seine eigene Traditionen und Gesetze. Aber Antisemitismus und Intoleranz machen längst nicht mehr vor nationalen Grenzen halt.

Insbesondere im Internet erleben wir die geballte Widerlichkeit der neuen und alten Antisemiten tagtäglich und weltweit. Online-Anbieter verdienen sich eine goldene Hand mit dem Verkauf von Hitler-T-Shirts und Nachdrucken von "Mein Kampf". Auf Internetseiten wird permanent Hass gesät und zu Mord und Zerstörung aufgerufen. Antisemitismus und Intoleranz lässt sich deshalb nur mit vereinter Stärke, internationaler Zusammenarbeit und planmäßigem Vorgehen entgegentreten. Die Schaffung eines nationalen Beauftragten ist nicht nur für Deutschland ein wichtiges Instrument, auch die EU sollte sich überlegen, eine solche Position zu schaffen.

Vom Staat ignorierte oder stillschweigend geduldete Intoleranz ist schlimm genug. Noch schlimmer aber ist staatlich geförderte Intoleranz. Aufs Äußerste beunruhigt uns Juden, dass derzeit eine neue Welle des weltweiten Antisemitismus mit dem Iran wieder einen staatlichen Taktgeber, Förderer und auch Finanzier bekommen hat.

Es seien wieder die Juden, die für alles Unheil der Welt verantwortlich sind, hat der iranische Präsident sogar vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärt.

Heerscharen perspektivloser junger Muslime in vielen Ländern werden mit solchen Hassparolen mobilisiert. Die Vernichtung Israels ist zudem das mehrfach öffentlich erklärte Ziel des iranischen Präsidenten.

Welcher Jude denkt da nicht an den November 1938 und seine Folgen? Und gleichzeitig strebt der Iran auch noch den Besitz von Atomwaffen an. Unabhängig von der Frage, ob eine solche Waffe jemals eingesetzt werden würde, genügt alleine das Drohpotenzial, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Ähnlich dem Hitler-Reich könnte der Atom-Staat Iran eine Korona der Unmenschlichkeit um sich verbreiten und den Antisemitismus in eine neue Dimension erheben.

Deshalb muss der Intoleranz und der Aggression des Regimes in Teheran Einhalt geboten werden. Wenn jahrelange diplomatische Bemühungen offensichtlich ständig unterlaufen werden und der einzige Zweck Zeitgewinn scheint, dann müssen härtere Sanktionen folgen.

Wer mit dem Iran, ohne mit der Wimper zu zucken, Handel treibt, verharmlost die Gefahr, die von diesem Staat ausgeht. Wer die Drohungen des iranischen Präsidenten gegen Israel als bloße Rhetorik abtut, der übersieht bewusst oder unbewusst die verheerende Wirkung dieser Aggression. Antisemitismus wird in großem Stil wieder zum Mittel staatlicher Interessenspolitik. Und wer die Finanzierung des Hisbollah-Terrorismus gegen Israel durch den Iran als nationales Problem des kleinen jüdischen Staates einordnet, der verkennt die Bösartigkeit dieser Strategie.

Erinnern wir uns: Was 1938 von den europäischen Regierungen als innerdeutsches Problem erachtet wurde, war schon Monate später ein weltweites. Die zahlreichen Beschwichtiger und Abwiegler sollten daran denken: Wir Juden sind zwar meist die Ersten, die ins Fadenkreuz geraten. Aber fast nie die Einzigen.

Weil wir Juden auf eine leidvolle Geschichte zurückblicken, sind wir heutzutage ebenso beunruhigt, wenn andernorts auf der Welt Rassismus, Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz Raum greifen.

Deshalb habe ich gemeinsam mit dem früheren polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski den Europäischen Rat für Toleranz und Verständigung (ECTR) ins Leben gerufen. Ich freue mich, dass aus Deutschland Rita Süssmuth diesem Gremium angehört. Wir wollen die Aufklärung fördern, denn sie ist die Basis für Verständnis und Respekt. Ich weiß, dass die Schaffung von Toleranz keine einfache Aufgabe ist. Es gibt kein Patentrezept und keine Pille, die man abends einnimmt, um am nächsten Morgen ein besserer Mensch zu sein.

Toleranz zu lernen ist ein mühevoller und langwieriger Prozess. Schnelle und publikumsträchtige Erfolge sind dabei nicht zu erzielen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Diskrepanz zwischen den Sonntagsreden und der praktischen Politik für uns Juden immer wider enttäuschend ist.

Nach dem Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht am kommenden Sonntag haben wir für den darauf folgenden Montag im Europaparlament in Brüssel eine besondere Veranstaltung organisiert, die den Weg nach vorne weisen soll und die sich der Förderung von Toleranz und Verständigung in ganz Europa widmet.

Es beruhigt uns zu sehen, dass sich so viele verantwortliche Politiker eindeutig zu diesem Ziel bekennen und sie gemeinsam mit uns an einer toleranteren Welt arbeiten wollen.

Vielleicht werden dann eines Tages die Geschehnisse des 9. November 1938 als ein lange überwundenes Phänomen in die Geschichte eingehen. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

 

Der Autor

Wjatscheslaw Moshe Kantor ist Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) und gehört dem Europäischen Rat für Toleranz und Versöhnung an (ECTR). Der russische Unternehmer ist außerdem Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses und Gründer des World Holocaust Forum.

Der Europäische Jüdische Kongress wurde 1986 vom Europäischen Zweig des Jüdischen Weltkongresses gegründet. Er hat seinen Hauptsitz in Paris und ist eine Dachorganisation verschiedener nationaler jüdischer Organisationen Europas. Der ECTR wurde Anfang Oktober in Paris gegründet. Das Gremium hat sich zum Ziel gesetzt, die Toleranz und Verständigung europaweit zu fördern.

 

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Translation

What worries Europe’s Jews

By Viatcheslav Moshe Kantor

Seventy years after the “Reichspogromnacht”, the president of the European Jewish Congress gives a somber outlook and warns of the Iranian quest for power

Seventy years ago, the synagogues burnt in Germany. The German State had not only withdrawn its protection from the Jewish part of its population, it had appointed itself as the leader of all those who were out to take away honour, property and even the lives of Jews. Until this day, “Kristallnacht” symbolizes the failure of civil society and its institutions, and it was the beginning of the biggest crime in the history of mankind, the Holocaust.

In collective Jewish memory, the knowledge about how the Holocaust came about is deeply embedded, and centuries of our persecution have made our people very sensitive to signs of undesirable developments in society.

We quickly become worried because experience shows that Jews are often the first who suffer from discrimination. The slow erosion of tolerance and mutual respect between groups in society is worrying, and this often heralds a descent into exclusion and barbarism.

Today, many Jews are once again worried. It worries us that anti-Semitic crimes are on the rise in Germany. With recent German history, the question must be asked why 63 years after the end of World War II, there is still – or rather: there is yet again – widespread resentment and even violent acts again Jews.

It worries us that these days we have to witness how this important problem is being dealt with by politicians who conduct a petty partisan debate and for whom it is even a challenge to pass an all-party resolution on how to effectively combat anti-Semitism. The appointment of a special representative of the Bundestag for tackling this problem would have been an important sign on the occasion of the 70th anniversary of 9 November 1938, not only as a symbol but also to make it clear time and again to political leaders where there is a need to act.

We Jews are also worried about many situations, events and developments in other European countries, for instance the shocking lack of knowledge about the Holocaust. This ignorance makes for fertile ground on which intolerance and aggression can prosper. Particularly in some eastern European countries nationalistic and racist theories can now once again be propagated publicly and without hindrance by State authorities (sometimes even under their protection, such as recently in Lithuania) in marches and rallies. In Budapest, paramilitary guards are patrolling the streets in uniforms bearing symbols that are deliberately resemble those of the fascist Arrow Cross regime during World War II and to whom Jews, Sinti and Rome people, foreigners and other minorities are a thorn in their side.

In Europe, we also witness this new intolerance and aggression with the new anti-Semitism of Islamist origin. Often, violent acts against Jews are deemed isolated incidents with which each country should deal with its own. That is a fallacy. Of course every country needs to act on its own, and each country has its own customs and laws. However, anti-Semitism and intolerance are now cross-border phenomenons.

Especially on the internet, we can see the massive and ugly work of old and new anti-Semites, around the world. Some online retailers make a killing by selling Hitler T-shirts and reprints of Mein Kampf. Websites dedicated to promoting hatred and calling for murder and destruction are numerous. Anti-Semitism and intolerance therefore can only be contained by pooling forces, working together internationally, and pursuing a coordinated strategy. The creation of a national representative for tackling this problem would be an important instrument not only for Germany. The EU should also think about creating such a position.

Intolerance ignored or tacitly tolerated by the State is bad enough. Even worse is state-sponsored intolerance. We Jews are extremely concerned that with Iran anti-Semites around the world-wide have got a new impulse generator and financial supporter.

It was again the Jews who were responsible for the current problems in the world, the Iranian president recently said before the General Assembly of the United Nations. In many countries, scores of young Muslims with no good prospects in life are being mobilized by such rallying cries. Moreover, it is the repeatedly stated aim of the Iranian president to wipe Israel off the map.

Witnessing all this, which Jew does not get a feeling of déjà-vu? Who does not feel reminded of November 1938 and all that followed it?

Iran is also pursuing its quest for nuclear weapons. Independent of the question of whether or not such bombs would ever be deployed, the ability to threaten others would already create fear and despair in the region. Similar to Hitler’s Germany a nuclear Iran could be the epicenter of a sphere of barbarity and elevate the level of anti-Semitism to a new dimension.

Therefore, we need to stop the intolerance and aggression of the regime in Tehran. If years of diplomatic efforts have been blatantly undermined and if the only purpose of Iran is to win time, we must impose tougher sanctions.

Whoever is doing business with Iran without any qualms is downplaying the danger which this state poses. Whoever discards the threats constantly uttered by Iran’s president as mere rhetoric ignores the devastating impact they have. Spreading anti-Semitism is again becoming a means to pursue the national interests of a country. Whoever thinks that the financial support given by Iran to the Hezbollah terrorists in their fight against Israel is just an issue for the tiny Jewish state to deal with chooses to ignore that this is an evil strategy.

Remember: What in 1938 was considered an internal German problem months later became one affecting the whole world.

Those who always want to placate and appease should take note: We Jews are often the first who become victims. However, we are almost always not the only ones.

Because the history of the Jewish people is one of persecution we are today also worried when racism, chauvinism, xenophobia and intolerance spread. This is why, together with former Polish President Aleksander Kwasniewski, I have set up the European Council on Tolerance and Reconciliation. I am happy that Rita Süssmuth represents Germany on this body. We want to improve education because it is the basis for understanding and mutual respect in society. I know that creating tolerance is not an easy task. There is no panacea, and it is not possible to take a pill and wake up “tolerant” the next day.

Learning tolerance can be a long and painful process. Quick and spectacular results are not to be expected. This is perhaps the reason why Jews are often so disappointed about the discrepancy between the speeches given on Sunday and the political actions undertaken on Monday.

After commemorating the “Kristallnacht” victims next Sunday, we will host a special event on Monday at the European Parliament in Brussels, which should pave the way ahead and which is dedicated to the promotion of tolerance and reconciliation.

It is reassuring to see that so many political leaders unequivocally support this objective and that they want to work together on a more tolerant world. Perhaps one day the events of 9 November 1938 will be looked at as a phenomenon that Europe managed to overcome. However, until then, a lot remains to be done.

 

The author

Viatcheslav Moshe Kantor is president of the European Jewish Congress (EJC), and a member of the European Council on Tolerance and Reconciliation (ECTR). The Russian businessman is also president of the Russian Jewish Congress and founder of the World Holocaust Forum.

The European Jewish Congress was founded by the European branch of the World Jewish Congress in 1986. It has its headquarters in Paris and is an umbrella organisation of Jewish community organisations in Europe. The ECTR was founded at the beginning of October in Paris. The body has made it its objective to foster reconciliation and tolerance throughout Europe.